- 77 Motorrad-Organisationen stehen hinter dem Positionspapier 2026
- Die Papiere decken 17 Politikbereiche ab, von Elektrifizierung über Führerschein bis Leitplanken
- Zentrale Forderung: Motorräder müssen als eigenständige Verkehrsform in allen Strategien berücksichtigt werden
Die europäische Motorradgemeinschaft hat ein klares Signal an die Politik gesendet. Am 26. März 2026 veröffentlichten FIM Europe, die FEMA und der britische NMC ein umfassendes Positionspapier, das die Zukunft des Motorradfahrens in Europa auf politischer Ebene mitgestalten soll. Die drei Organisationen vertreten zusammen 77 nationale Motorrad-Verbände und sprechen damit für Millionen von Motorradfahrern auf dem gesamten Kontinent.
17 Positionspapiere für eine ganze Branche
Das Positionspapier 2026 ist eine Überarbeitung und Erweiterung der erstmals 2022 veröffentlichten gemeinsamen Positionen. Es umfasst insgesamt 17 Einzelpapiere, die in vier Hauptbereiche gegliedert sind: Fahrzeugtechnik, Straßeninfrastruktur, Fahrer und Mobilitätsaspekte.
Jesper Christensen, Vorsitzender der gemeinsamen Arbeitsgruppe, formuliert es so: Die Positionspapiere unterstützten Behörden und Entscheidungsträger dabei, fundierte und kluge Entscheidungen zugunsten aller Verkehrsteilnehmer einschließlich der Motorradfahrer zu treffen.
Dekarbonisierung: Ja, aber technologieneutral
Eines der zentralen Themen des Positionspapiers ist die Frage, wie der Motorradsektor seinen Beitrag zur CO₂-Reduktion leisten kann. Die Verbände erkennen die Notwendigkeit der Dekarbonisierung an, fordern aber einen technologieneutralen Ansatz. Das bedeutet: Nicht nur Elektroantriebe, sondern auch alternative Kraftstoffe wie synthetische Kraftstoffe, Biokraftstoffe und Wasserstoff sollen als gleichberechtigte Wege gelten.
Batterien, die für ausreichende Reichweite und Leistung sorgen, sind schwer und können das Fahrverhalten und die Sicherheit eines Zweirads negativ beeinflussen. Aktuelle Batterietechnologien eignen sich daher laut den Verbänden vor allem für den urbanen Einsatz mit begrenzter Reichweite.
Elektrifizierung: Wechselakkus und Ladeinfrastruktur im Fokus
Die Verbände fordern eine duale Infrastruktur: öffentliche und halböffentliche Ladestationen für Motorräder mit fest verbauten Batterien einerseits, strategisch platzierte Wechselstationen für urbane Pendler-Zweiräder andererseits. Besonders wichtig ist ihnen die Standardisierung von Wechselbatteriesystemen.
Auch bei den Bezahlsystemen haben die Organisationen klare Vorstellungen: Diese sollen interoperabel und einfach sein und auch ohne spezielle App nutzbar. Eine besonders auffällige Forderung: Behörden sollten kostenloses Laden für Elektromotorräder in Betracht ziehen.
Technische Inspektionen: Kosten ohne messbaren Nutzen
Die Motorradverbände lehnen eine verpflichtende EU-weite PTI ab und stützen sich dabei auf Studien. Die MAIDS-Studie habe technisches Versagen als Hauptursache in lediglich 0,7 Prozent der Motorradunfälle identifiziert. Menschliches Verhalten sei hingegen für bis zu 87 Prozent der Unfälle verantwortlich. Strukturierte Fahrschulprogramme könnten die Unfallraten dagegen um bis zu 35 Prozent senken.
Intelligente Geschwindigkeitsassistenz und Assistenzsysteme
Ein System, das die Beschleunigung aktiv einschränkt, sei für Motorradfahrer schlichtweg gefährlich. Die volle Kontrolle über die Geschwindigkeit sei für Balance und Fahrzeugbeherrschung auf zwei Rädern essenziell. Jede Form von ISA für Motorräder solle nur dann eingeführt werden, wenn gründliche Tests bewiesen hätten, dass kein zusätzliches Risiko für den Fahrer entsteht.
Infrastruktur und Leitplanken: Tödliche Gefahr am Straßenrand
Die Verbände fordern neue Standards für Leitplanken und Mittelschutzplanken, die auch die Sicherheit von Motorradfahrern berücksichtigen. Bestehende Leitplanken in Kurven sollen mit Motorrad-Schutzsystemen (MPS) nachgerüstet werden. Neue Seilbarrieren oder Barrieren mit ungeschützten Pfosten sollen nicht mehr installiert werden dürfen.
Auch bei Verkehrsberuhigungsmaßnahmen wie Schwellen sehen die Verbände Handlungsbedarf. Motorräder seien Balancierfahrzeuge, bei denen ein plötzlicher vertikaler oder seitlicher Impuls zum Gleichgewichtsverlust führen könne.
Führerschein, Mobilität und Reparaturrecht
Das dreimalige Ablegen derselben Prüfung beim progressiven Zugang (A1, A2, A) schaffe keinen Mehrwert. Die Verbände schlagen stattdessen eine einzige umfassende Prüfung vor, mit Trainings-Upgrades für den Aufstieg zwischen den Kategorien. Die Prüfung solle sich stärker an realen Fahrbedingungen orientieren.
Viele lokale und nationale Behörden haben überhaupt keine Strategie für Motorräder. Die konkreten Vorschläge reichen von der Freigabe von Busspuren über die Akzeptanz des Durchfahrens bei stockendem Verkehr bis hin zu kostenlosen Parkplätzen und steuerlichen Anreizen.
Roy N. Wetterstad, 2. Vizepräsident von FIM Europe, spricht davon, dass der politische Druck auf das Motorradfahren nie stärker gewesen sei. Wim Taal, Generalsekretär der FEMA, betont: Die Papiere seien nicht das Ende eines Prozesses, sondern der Beginn einer stärkeren, einheitlicheren Interessenvertretung für Europas Motorradfahrer.
Häufige Fragen
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Was fordern FIM Europe, FEMA und NMC in ihrem Positionspapier?
Die drei Verbände fordern unter anderem eine Pflicht zur Berücksichtigung von Motorrädern bei jeder Straßenplanung, EU-weite Mindeststandards für Leitplanken mit Unterfahrschutz, das Recht auf Reparatur für alle Motorräder und den Erhalt des Verbrennungsmotors als gleichwertige Antriebsoption neben Elektro.
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Wer steht hinter dem Positionspapier?
FIM Europe ist der europäische Dachverband der nationalen Motorradföderationen, FEMA die Federation of European Motorcyclists‘ Associations als Interessenvertretung der Fahrer, und NMC der Nordic Motorcycle Council der skandinavischen Länder.
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Warum wurde das Papier gerade jetzt veröffentlicht?
Die EU verhandelt 2026 mehrere Gesetzespakete, die Motorräder betreffen: die Euro-6-Abgasnorm, die General Safety Regulation III, eine mögliche Pflicht für ABS-Systeme der zweiten Generation und den Vorschlag für eine EU-weite Citymaut. Die Verbände wollen frühzeitig Einfluss nehmen.
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Was ist mit der Euro-6-Norm für Motorräder?
Die Euro-6-Abgasnorm für Motorräder soll ab 2028 gelten und könnte bestimmte Motorkonzepte unwirtschaftlich machen. Die Verbände fordern motorradspezifische Grenzwerte statt einer Übernahme der Pkw-Werte.
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Betrifft das Positionspapier auch Deutschland?
Ja, direkt. Alle geforderten Maßnahmen zielen auf EU-Gesetzgebung ab, die in allen Mitgliedsstaaten umgesetzt werden muss. Der DMSB und der BVDM sind über FIM Europe und FEMA an der Initiative beteiligt.









